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Interview mit Susi Braun über ihre Erkrankung an Depression

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Jasmin

24. Juni 2021


Susi Braun ist Gründerin von HEY SISTER! (www.hey-sister.de), ein Onlinemagazin für Fempowerment, Body & Mind.

Ich liebe die vielseitigen Artikel und Interviews auf HEY SISTER! und habe Susi selbst als absoluten Herzensmenschen kennen gelernt.

Wer auf ihrem Instagramkanal vorbeischaut, wird zweifellos eine sehr charismatische, sympathische, mutige und inspirierende Powerfrau vorfinden, die sich nicht scheut, Tabuthemen und die Herausforderungen des Lebens zu beleuchten.

Dass das Leben unterschiedliche Facetten hat, macht Susi auch durch persönliche Einblicke deutlich. Denn auf ihrem Blog und Instagramkanal spricht sie immer wieder offen über ihre Erkrankung an Depression.

Statistiken zeigen auf, dass Depressionen, Burnout oder Angstzustände unter Eltern keine Seltenheit sind.... und dennoch wird so wenig darüber gesprochen. Ich möchte das Thema auf Parentime enttabuisieren und habe Susi zu einem Interview eingeladen. Ich freue mich sehr, dass ich sie hierfür gewinnen konnte und sie uns ehrliche Einblicke in ihr Leben gibt.

Liebe Susi, gerne möchte ich mit einer Frage einsteigen, die inzwischen zu einer gesellschaftlichen Floskel geworden ist und vielleicht deswegen von nur wenigen Menschen ehrlich beantwortet wird. Dennoch möchte ich Dich fragen: Wie geht es Dir gerade?

Danke liebe Jasmin, mir geht es ENDLICH wieder gut. Nach einem Jahr mit Homeschooling und einem sehr nervenaufreibenden Alltag als Mama, Ersatzlehrerin und Unternehmerin genieße ich die neue Freiheit gerade sehr. Und auch der Sommer gibt mir ein unglaubliches Hochgefühl, wofür ich sehr dankbar bin.

Auf Deinem Blog und Deinem Instagram Kanal HEY SISTER! gehst Du offen damit um, dass Du an der Krankheit Depression leidest. Wann hast Du von Deinem Diagnosebild zum ersten Mal erfahren? Wie kam es dazu und wie war das für Dich, als Du zum ersten Mal damit konfrontiert wurdest?

Puh, das ist ein langer, langer Weg. Ich bin jetzt 37 Jahre alt und die Depression besucht mich seit gut 20 Jahren in unregelmäßigen Abständen. Warum das so ist, dafür gibt es verschiedene Ursachen: bei mir ist es (so wurde es zumindest diagnostiziert) eine Mischung aus genetischer Präposition, Traumata aus der Kindheit und einem hohen IQ. Mit Anfang 20 erkrankte ich an Panikattacken, die aber im Endeffekt nur ein Hinweis auf die Depression waren. Ich musste dann mehrmals für einige Wochen ins Krankenhaus und durchlief verschiedene Therapien. Dazu gehörte auch die Einnahme von Antidepressiva. Meine letzte Depression hatte ich nach der Geburt meiner Tochter (9). 

Und wie ist Dein Umfeld mit Deiner Diagnose umgegangen?

Eigentlich konnte niemand verstehen, dass ausgerechnet ich depressiv sein sollte. Ich bin eigentlich ein sehr impulsiver Mensch, war ständig aufgedreht, arbeitete beim Radio und hatte eine ziiiiemlich große Klappe. Gerade mit einigen Arbeitskollegen hatte ich nach dem ersten Krankenhausaufenthalt große Probleme. Sie dachten, ich wollte mich wichtig machen. Viel schlimmer traf mich aber damals das Unverständnis in der Familie. Einige Verwandte glauben bis heute nicht daran, dass die Seele erkranken kann. Das hat mich damals fassungslos gemacht. Heute kann ich damit leben.

Für alle Leser, die noch nicht so viel über die Krankheit Depression wissen. Wie kann sie eigentlich entstehen? Gibt es einen bestimmten Auslöser oder kann man auch ohne erkenntlichen Grund daran erkranken?

Eine Depression kann viele Ursachen haben - und keine gleicht der anderen. Es gibt Menschen, die erkranken einmal daran und dann nie wieder. Es gibt kurze Episoden und lange, leichte und schwere. Es gibt wiederkehrende und dauerhafte. 

Auslöser können akute Schicksalsschläge wie Unfälle, Trennungen oder der Tod eines geliebten Menschen sein. Aber auch (dauerhafte) Lebensumstände, die der Seele schaden, wie eine toxische Beziehung oder Ärger am Arbeitsplatz, können die Seele krank machen. 

Zu guter Letzt kann auch ein Ungleichgewicht in den chemischen Prozessen im Hirn eine Rolle spielen. Die Gründe sind also vielfältig - und genau da geht nach einer Diagnose die große Suche los.

Welche Symptome sind typisch für Menschen, die depressiv werden?

Eine Depression bringt Gefühle der Trauer und der Hoffnungslosigkeit mit. Der Antrieb wird weniger, der/die Erkrankte wird freudlos und zieht sich immer mehr zurück. Auch Schlafstörungen und Appetitlosigkeit gehen häufig mit der Krankheit einher. Doch am schlimmsten ist gerade am Anfang das Gefühl, nicht „normal“ zu sein. Das Gefühl der Entfremdung. Wie oft habe ich mir gewünscht, ich hätte eine gut sichtbare körperliche Verletzung statt der inneren Zerrissenheit.

Du hast vorher schon angesprochen, dass Du Deine letzte Depression nach der Geburt Deiner Tochter (9) hattest und ich habe auch mal gelesen , dass Du mit Wochenbettdepression bzw. postnataler Depression zu kämpfen hattest. Wie war das damals bei Dir genau?

Das war mit Abstand die schlimmste, depressive Episode meines Lebens. Wie die meisten Schwangeren war ich einfach nur überglücklich und in himmelhochjauchzender Vorfreude auf dieses neue Leben. Unmittelbar nach der Geburt im November 2012 folgten sehr schwere Wochen, in denen mich auch die Panikattacken wieder begleiteten. Ich hatte furchtbare Angst zu versagen. Das Gefühl, trotz dieses Geschenks eines gesunden Kindes „nicht richtig“ zu funktionieren, war eine Qual. Ich kam mir undankbar vor. Ich hatte alles, was ich wollte und mein Hirn war trotzdem kaputt. Ich habe mich so sehr geschämt, dass ich diesen Zustand über 12 Monate ausgehalten habe. Erst nach dem ersten Geburtstag meiner Tochter ging ich freiwillig ins Krankenhaus - ich hatte keine Kraft mehr.

Heute weiß ich: nur eine gesunde Mama kann langfristig für ihr Kind da sein. Und: ich bin kein Einzelfall. Deswegen ist es so wichtig, über die Wochenbettdepression zu reden. Um das Stigma von den Schultern der Frauen zu nehmen, die gerade in der größten Veränderung ihres Lebens stecken. 

Wie gehst Du inzwischen mit Deiner Depression um? Welche Hilfe hast Du bislang in Anspruch genommen?

Ich habe wirklich viel ausprobiert und sowohl verschiedene Verhaltenstherapien als auch tiefenpsychologische Analysen hinter mir. Diese würde ich auch immer wieder machen, da ich so familiäre Konflikte und Konstellationen besser lösen konnte. Außerdem war ich nach der Trennung vom Vater meines Kindes auf Mutter-Kind Kur, die mir ebenfalls sehr geholfen hat. Ich war immer aktiv auf der Suche nach Hilfe und habe nach der Therapie auch Akupunktur und andere alternative Heilungswege versucht. Er ist einfach super individuell, dieser „way out“.

Ich weiß heute, dass ich auf mich Acht geben muss. Wenn ich mich schlecht ernähre, zu viel Alkohol trinke und mich mit den falschen Menschen umgebe, so wie auch in meinen 20ern, dann wäre die Depression sicher bald wieder da. So habe ich einen neuen Mann an meiner Seite, habe den Freundeskreis kräftig aussortiert und sage viel schneller auch mal „nein“.

Was rätst Du Eltern, die sich depressiv fühlen und das Gefühl haben, dass vielleicht etwas mit ihnen nicht stimmt?

Sucht Euch unbedingt Hilfe. Das Leben ist zu kurz, um zu leiden. Vertraut Euch jemandem an. Das kann eine Freundin sein, der Hausarzt oder eine anonyme Telefonseelsorge. Lasst nicht zu, dass eine Krankheit Euch das Leben ruiniert. Ihr habt Liebe verdient, Liebe und Glück. (Einschlägige Adressen kann ich gerne noch unten aufführen)

Was hast Du über Dich und das Leben am meisten gelernt?

Dass Aufgeben keine Option ist. Dass wir es uns verdammt nochmal schuldig sind, das Beste daraus zu machen. Dass wir selbst die Gestalter:in unseres Lebens sind. Und dass nach jeder schlimmen Phase mit Schmerz, Trauer und absoluter Hoffnungslosigkeit irgendwann wieder der Tag kommt, an dem Du das erste Mal lachst. An dem Dir der Nachbarshund die Hand abschleckt, oder Du ein unerwartetes Kompliment bekommst. Das alles ist Leben. Und es ist ein großes Geschenk, auch wenn es zwischendurch so hart ist, dass Dir alles vergeht.

Last but not least: Welcher Leitspruch/-gedanke bestimmt Dein Leben?

Der meiner verstorbenen Oma: „Lieben, leben, leben lassen.“

Liebe Susi, ich danke Dir von ganzem Herzen für das so wertvolle Interview!

Adressen

www.deutsche-depressionshilfe.de

www.depressionsliga.de

In dringenden Fällen: Notfall-Telefone nutzen:

TelefonSeelsorge in Deutschland

+49 (0)800 111 0 111 (gebührenfrei)

+49 (0)800 111 0 222 (gebührenfrei)

http://www.depressionen-depression.net/notfaelle/notfallnummern.htm